Gebt es zu: Ihr vermisst es doch auch, eure Festplatte zu defragmentieren
Mein Blogpost über die Mac-Variante von 7-Zip provozierte auf Bluesky eine kleine Debatte: «Kompressionsprogramme sind ja irgendwie 90ies reloaded», meinte Patrick Seemann von nohillside.ch. Das wiederum sei abfälliges Techbro-Getue, hiess es auf Mastodon. Was mich angeht, sind solche Programme weiterhin eine Säule für die selbstbestimmte Computernutzung. Dazu gehört, dass wir unsere Daten auf den eigenen Datenträgern so organisieren, wie es uns gefällt.
Jedenfalls brachte mich das auf die Idee dieses Listicles hier: Was sind digitale Kulturtechniken, die heute (zu Recht oder zu Unrecht) ausgestorben sind oder zumindest altmodisch wirken – aber wohlige Erinnerungen wecken? Diese zehn Nominierungen kamen mir in den Sinn – weitere Nennungen bitte gern per Kommentar!
1) Dateien zippen und entzippen
Es mag heute nachgerade neurotisch wirken, seine Dateien in Archiven zu organisieren oder auch nur schon für eine einigermassen stringente Ordnerstruktur zu sorgen. Denn Festplatten sind riesig und per Volltextsuche erschlossen, und wenn es nach den Techkonzernen geht, landet ohnehin jedes mickrige Byte in der Cloud, wo es von Algorithmen verwaltet wird – ob uns das nun passt oder nicht.
Es gab allerdings Zeiten, in denen man aufgeschmissen war, wenn man kein Komprimierungsprogramm hatte oder es nicht bedienen konnte. Dann platzte die 40-MB-Festplatte aus den Nähten. Es passten nicht alle Dateien auf eine Diskette, und weil die Betriebssysteme keine separaten Nutzerkonten kannten, konnte ohne die verschlüsselten Zip-Archive jeder seine Nase in Dokumente stecken, die ihn nichts angingen.
Winzip 9 hatte ich seinerzeit intensiv in Gebrauch. Dieser Screenshot hier entstand mit der Windows Sandbox und Windows 11 – leider fehlte mir die Zeit, das Programm in eine autentische Umgebung wie Windows 2000 zu verfrachten.
2) Festplatten partitionieren
Früher – das heisst, vor 13 Jahren – löste diese Angelegenheit hitzige Debatten aus. Alte Hasen bestanden darauf, dass jeder vernünftige Mensch das Betriebssystem und die Daten voneinander getrennt speichert: wegen Vorteilen bei der Datensicherung, etc. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass sich die ursprünglichen Überlegungen als unzutreffend erwiesen. Früher oder später kam immer ein Betriebssystem-Update daher, das nicht mehr auf die Systempartition passte und uns zu halsbrecherischen Umverteilungsaktionen veranlasste oder zu einer Neuinstallation zwang.
Heute, im Jahr 2026, ist es bereits eine Herausforderung, einem mit Smartphone aufgewachsenen Menschen diesen Sachverhalt verständlich zu machen. Ist es ein Zeichen des Fortschritts, dass bei Telefonen und Tablets das Speichermedium nicht (oder nur auf Umwegen) zugänglich ist und niemand mehr eine Veranlassung hat, Hirnkapazität mit für solch Low-Level-Themen zu verschwenden?
Ich bin nicht unglücklich, wenn ich meine Festplatte nicht neu partitionieren muss. Abgesehen davon, bin ich froh, dass ich es kann – weil schon der Gedanke beruhigend ist, dass ich ein Dual-Boot-System mit Linux aufsetzen könnte, wenn ich es denn wollte.
3) Festplatten defragmentieren
War das wirksam? Oder doch eher ein Ding aus dem Bereich der digitalen Homöopathie? Das Versprechen lautete, dass dieser Vorgang Lese- und Schreibvorgänge von der Festplatte beschleunigen würde. Doch das Defragmentieren war selbst ein Zeitfresser. Heute behaupten manche, es sei ein zen-mässiger Entschleunigungsritus gewesen, Scandisk von Microsoft oder dem Defragmentierer von Norton bei der Arbeit zuzusehen.
Das zu Windows 95 gehörende Systemprogramm Disk Defragmenter ausgeliefert. Den Screenshot habe ich mithilfe des Electron-Emulators von Felix Rieseberg angefertigt.
4) Konfigurationsdateien editieren
Ja, liebe Kinder, manche Einstellungen nahm man früher nicht vor, indem man im Menü den Knopf Einstellungen suchte und anklickte. Stattdessen musste man einen Editor bemühen, am richtigen Ort auf der Festplatte nach einer Textdatei suchen und dort Einträge hinzufügen, abändern oder löschen. Und wehe, wenn dabei ein Komma oder Gleichheitszeichen an die falsche Stelle rutschte!
Wer als Nutzerin oder Nutzer von MS-DOS auf die Idee kam, mehr als 640 Kilobytes Speicher zu verwenden, kam nicht umhin, Hand an die Datei Config.sys zu legen und dort mit Highmem.sys und Befehlen wie DOS=HIGH zu hantieren. Wollte man sich dann vielleicht mit einem Videospiel vergnügen, musste man zuerst das Abenteuer bestehen, in Autoexec.bat den Maus- oder Soundkartentreiber richtig einbinden (MOUSE.COM /Y).
Na, wer beherrscht die Bearbeitung noch aus dem Stegreif? Auszuprobieren mittels PCjs-Machines und hier DOS 5.
Das mag für heutige Ohren abstrus klingen. Doch die archaische Methode eröffnete Möglichkeiten, die heute nicht oder nur viel umständlicher möglich sind. Man konnte nach Bedarf unterschiedliche Konfigurationen verwenden, und es war easy-peasy, die Konfiguration von PC A auf PC B zu transferieren. Darum schätze ich auch heute noch Programme, die entgegen den Vorgaben von Microsoft nicht den Windows-Konfigurations-Moloch (a.k.a. Registry) benutzen, sondern banale Ini-Dateien.
5) SCSI-Terminatoren einstecken
Okay, den Dingern trauert niemand nach. Bei diesem Protokoll konnte man Geräte in Reihe hängen, was an sich erfreulich war. Meistens wurde einem der Spass verdorben, weil mindestens ein Gerät nicht mitspielte oder man keinen Terminator griffbereit hatte. Das letzte Gerät in der Kette musste nämlich mit einem Abschlusswiderstand versehen werden, sonst funktionierte es nicht. Und weil das Hot-Swapping von USB nur ein feuchter Zukunftstraum war, brauchte es jedes Mal einen Neustart, bis man feststellte, dass es noch immer nicht funktioniert.
Dieses bescheuerte Ding musste man griffbereit haben, wenn man einen Scanner oder eine externe Festplatte erfolgreich an den Computer anhängen wollte (SCSI Terminator with 50-pin centronics connector Date, Afrank99/Wikimedia, CC BY-SA 2.0).
6) Interrupte setzen
Damit niemand unterstellt, ich würde hier Verklärung betreiben, ein zweites Relikt der Vergangenheit, bei dem ich sicher bin, dass nicht nur ich auf seinem Grab tanze: das ist die Methode, wie man in Zeiten vor Plug and Play Hardware anschliessen musste. Mit dem Einstecken der Kabel (und allfälliger Terminatoren) war es nicht getan.
Bei vielen Geräten waren Jumper oder DIP-Schalter umzulegen, die nicht ohne Grund Mäuseklavier genannt wurden. Sie gaben vor, über welche Adresse im Speicher die Daten ausgetauscht wurden. Man bekam es auch mit den Interrupts zu tun: Sie erlaubten es der Hardware, die Aufmerksamkeit des Prozessors auf sich zu ziehen und für ihre Zwecke ein paar Rechenzyklen zu belegen.
Nicht zu vergessen, die Kulturtechnik Nummer 11: Die korrekte Reinigung des PC-Towers bei offenem Gehäuse mit der unverzichtbaren Druckluftdose (Anete Lusina, Pexels-Lizenz).
Für solche händischen Eingriffe musste man sich in die Untiefen des Bios begeben und mit Fachwissen oder auf gut Glück Einstellungen vornehmen. Auch die erwähnte Config.sys kam zum Zug: SET BLASTER=A220 I5 D1 sorgte im Idealfall für die Klangausgabe. Oder für einen eingefrorenen Rechner. Solche IRQ- und DMA-Konflikte waren notorisch schwer zu bekämpfen. Und da sie nicht immer gleich beim Start auftraten, killten sie mitunter auch ein ungesichertes Dokument.
Es soll Leute gegeben haben, die ihre Interrupt-Tabellen laminiert und ans Seitenblech des Towers geklebt haben.
7) Den Master und den Slave bestimmen
Irgendwann wurde es besser … Dann bestand die Herausforderung «nur» noch darin, herauszufinden, welches Laufwerk sinnvollerweise als Master und welches als Slave am IDE-Controller hängen sollte.
Immerhin: Diese Entscheidung konnte getroffen werden, ohne damit einen wilden Kulturkampf auszulösen, weil man durch eine falsche Wahl irgendein kolonialistisches Klischee bedient hatte.
8) Mit DFÜ online gehen
Vor Glasfaser, Breitband und 5G erfolgte die Verbindung zu fremden Computern über das analoge Telefonnetzwerk. Nicht nur die bescheidene Übertragungsrate erforderte Geduld, auch der Aufbau der Datenfernübertragung (DFÜ) benötigte seine Zeit. Und wenn man Pech hatte, landete man mit dieser Methode nicht mal im Internet, sondern nur in einem Bulletin Board System.
Nur schlecht war das nicht: Man konnte wählen, wann man mit neuen E-Mails behelligt werden wollte, und blieb ansonsten verschont. Und das fröhliche Gepiepse des Modems hatte seinen eigenen Charme – wenngleich er nicht von allen gleichermassen geschätzt wurde.
Das 3Com US Robotics 56K Message Modem – wer erinnert sich nicht mit Freuden? (Frédéric Bisson/Flickr.com, CC BY 2.0)
9) Den CRT‑Monitor entmagnetisieren
Zugegeben, bei dieser Tätigkeit von einer Kulturtechnik zu sprechen, ist Hochstapelei. In aller Regel musste man bloss den Degauss-Knopf drücken. Aber man konnte dabei eine wichtige Miene aufsetzen und in den Bart murmeln, wegen der magnetisierten Bildröhre sei die Anzeige nicht mehr farbecht gewesen und das Rot zu sehr ins Pink abgerutscht.
Die meisten Röhrenmonitore erledigten die Entmagnetisierung automatisch beim Einschalten. Aber es gab tatsächlich auch ein Werkzeug für diese Arbeit: den Degausser bzw. Degaussing Coil, den man bestimmt auch für Teufelsaustreibungen oder anstelle des weissen Salbeis oder Klangschalen für die energetische Bereinigung des Haushalts verwenden konnte.
10) Die Fusseln aus der Maus klauben
Die sogenannte optische Maus gibt es zwar schon lang. Trotzdem war sie lange Zeit ein Statussymbol, das den meisten verwehrt blieb. Der Pleps innerhalb der Anwenderschaft schlug sich mit mechanischen Modellen herum. Die hatten die Angewohnheit, Fusseln aufzusammeln oder die Rollkugel mit einem klebrigen Schlick einzuhüllen. Die Mauspflege war eine regelmässig auszuführende Tätigkeit. Falls man sie vernachlässigte, erfolgte die Strafe in Form eines holperigen Mauszeigers, der oft übers Ziel hinausschoss.
Ja, liebe Kinder, diese Kugel konnte man auch hervorragend zur Beschäftigung der Katze verwenden (moebiusdream, Pixabay-Lizenz).#Evergreen #Longread #Retro
Gianluca Colani
Als Antwort auf Tobias Ernst • • •Saupreiss #Präparat500 👅🥚🥚
Als Antwort auf Tobias Ernst • • •Was meinst du mit Teilrückzug?
Wir gehen sicherlich von sehr unterschiedlichen Seiten an so ziemlich alles heran.
Gerade daher mag ich es, mich zuweilen mit Dir zu reiben. Zumal Du mir als respektvoller Gesprächspartner im Kopf bist. Davon braucht es mehr.
Tobias Ernst mag das.
Tobias Ernst
Als Antwort auf Saupreiss #Präparat500 👅🥚🥚 • •Und danke, ja, Du bist einer von denen, die politisch anders denken, mit denen man aber gut reden kann. Das ist wichtig und bräuchten wir viel mehr in der heutigen Zeit.